Ağaç Modeli

 

Die Einsetzung des Baum-Modells (Volkan 1999) für den Wiederaufbau der Kommunikation entlang der gesellschaftlichen Spaltungslinien um Islam – Ein Drei-Länder Projekt

Die zugenommene Präsenz der Musliminnen und des Islams in europäischen Gesellschaften ist seit dem Flüchtlingszustrom 2015 wieder Gegenstand heftiger Debatten geworden. Nationalistische und recht-populistische Entwicklungstendenzen steigen in vielen Gesellschaften an und werden oft mit einem unerträglichen kollektiven Ohnmachtsgefühl – auf beiden Seiten – begleitet, was zu einer gewissen Lähmung bzw. Blockade der Kommunikations- und Verhandlungskanäle führt. Dieses Projekt geht davon aus, dass die Gründe der gesellschaftlichen Regressionstendenzen am besten durch ethno-/gruppenpsychoanalytische Sichtweisen und Methoden analysiert und verstanden werden können und benutzt dafür die Methodologie des Baum-Models von Vamık Volkan (1999) als einen innovativen psychopolitischen Ansatz für die Erkennung tieferer Gründe der aktuellen gesellschaftlichen Konflikte um die Sichtbarkeit der Religion bzw. des Islams im öffentlichen Raum. Das Baummodell basiert auf der Annahme, dass bewusste und unbewusste psychologische Themen über Gruppenzugehörigkeit und kollektive Rituale alle Aspekte der politischen, ökonomischen, sozialen, kulturellen und religiösen Beziehungen zwischen Großgruppen eng begleiten, und vor Allem während Zeiten der höheren kollektiven Spannungen die Wahrnehmung der realen Probleme „kontaminieren“ bzw. „vergiften“, was dann zu einer Blockade der Kommunikation und Verhandlungsmöglichkeiten führt und in einem tiefen Widerstand gegen friedliche Annäherungsversuche und Lösungsansätze resultiert. Das Baum-Modell wurde von Volkan und seinem Team als einen dreistufigen psychopolitischen Ansatz konzipiert, um mit Hilfe eines multidisziplinären Moderationsteams, die (unbewussten) psychologischen „Gifte“ zwischen gegnerischen Großgruppen zu diagnostizieren und zu beseitigen, damit die Kommunikation (wieder)hergestellt und einen Verhandlungsraum zwischen den Großgruppen (wieder)aufgebaut werden kann. Aufgrund der besonderen Ähnlichkeiten der dynamischen Verläufe der seit fast ein Jahrhundert vorhandenen gesellschaftlichen Diskussionen über die Sichtbarkeit der Religion in der Öffentlichkeit in der Türkei mit den aktuellen gesellschaftlichen Diskussionen in Europa über das Zusammenleben mit Musliminnen bzw. über die restriktive, verbietende Maßnahmen zur Reduzierung der Sichtbarkeit (oft ausschließlich) des Islams im öffentlichen Raum, planten wir eine multizentrische Studie in Ankara, Berlin und Wien, um einen gegenseitigen Perspektivenwechsel zwischen den Projektzentren zu ermöglichen, und von den unterschiedlichen kollektiven Gedächtnissen und Bewältigungsstrategien der drei Ländern (über Religiosität sowie über das Leben mit fremden Anderen) zu profitieren. Das Projekt wird von drei multidisziplinären Moderationsteams aus Sozialwissenschaftlerinnen und psychoanalytisch/psychodynamisch orientierten Gruppentherapeutinnen durchgeführt und von vier PhD-Studentinnen begleitet. Die Moderationsteams werden das Ziel verfolgen, durch die professionell begleiteten Selbstreflexionsprozesse und Annäherungsversuche einen neutralen Raum zwischen den Vertreterinnen aus den gegensätzlichen Positionen entlang der gesellschaftlichen Spaltungslinie zu schaffen, wo eine effektive Kommunikation und Verhandlung stattfinden und längerfristige Gesellschaftsprojekte entwickelt werden kann, damit die neuen Erkenntnisse über die gegenseitigen feindseligen Gefühle und Wiederstände in der Gesellschaft verbreitet und gegenseitige Verständnis- und Versöhnungsprozesse gefördert werden kann. In dem Projekt wird das Baummodell entsprechend der spezifischen Merkmalen und Besonderheiten der Projektzentren adaptiert und erweitert – u.A. durch das „psychodynamische Emotionsmodell bei der Annäherung an das Fremde“ von Machleidt und Wolf (1998), sowie durch die psychoanalytischen Konzepte der kulturellen Adoleszenz (Machleidt 2005) und der gesellschaftlichen Adoleszenz (Erdheim 1982).

Literatur:

  • Erdheim, Mario (1982): Die gesellschaftliche Produktion von Unbewusstheit – Eine Einführung in den ethnopsychoanalytischen Prozess. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag
  • Machleidt, Wielant (2005): Migration, Integration und psychische Gesundheit. Psychiatrisch Praxis 2005; 32(2):55-57.
  • Machleidt, Wielant/Wolf, Karsten (1998): Annäherung an das Fremde. In: Koch, E./Özek, M./Pfeiffer, W. M./Schepker, R. (Hrsg.): Chancen und Risiken von Migration. Freiburg im Breisgau: Lambertus, S. 29-37.
  • Volkan, V. D. (1999): The tree model: a comprehensive psychopolitical approach to unofficial diplomacy and the reduction of ethnic tension. Mind and Human Interaction, 10: 142-206.